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Datum: 18. 01. 2022 um 17:58:22
Schlagworte: Covid Krankenhaus
Kategorie: Allgemeines
erstellt von Stephan Bösebeck
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Weihnachten auf der Intensivstation
Ich hatte echt Glück. Und auch echt Pech. Die Geschichte wollen alle immer wieder hören, deswegen erzähle ich sie jetzt mal hier und dann kann sie jeder, den es interessiert nachlesen... Außerdem hilft es vielleicht jemanden, der in einer ähnlichen Situation steckt oder Bekannte / Verwandte in ähnlicher Situation hat, besser zu verstehen.
Chronologie
- Ende November 2021 wurde ich krank. Hatte Fieber und Husten, mir ging es nicht gut. Zuerst war ich einfach nur krank. Die Tests waren zig-Mal negativ. Nach knapp einer Woche wurde der Test positiv. Wie sich später rausstellte, hatte ich zunächst eine (wohl bakterielle) Infektion und Covid kam dann noch "oben drauf" (Superinfektion).
- Na super, dachte ich. Musste ja mal so kommen... Ich musste ins Krankenhaus, meine Sauerstoffsättigung lag bei < 70%. Ich dachte, so schlimm ist es nicht und ich habe das bestimmt zwei Tage rausgezögert, vermutlich zu lange.
- am 5.12.2021 kam ich ins Krankenhaus, man hat alles versucht, meine Lunge wieder zum normalen Arbeiten zu bewegen. Das hat aber nicht geklappt. Also musste ich am 6.12. ins künstliche Koma versetzt werden.
- Die Superinfektion war nach knapp einer Woche eigentlich überstanden, die Lunge hatte sich so weit erholt, dass man mich wieder wecken wollte. Dummerweise hatte man nicht bemerkt, dass ich während des Komas 1. eine Schluckstörung entwickelt hatte (d.h. das Schlucken klappt nicht mehr automatisch, man verschluckt sich am eigenen Speichel) und 2. eine Lähmung des Zwölffingerdarms bekommen hatte. Das führte dazu, dass die künstliche Ernährung, die mir über eine Magensonde zugeführt wurde, nicht "weiter" transportiert wurde und ich mich erbrechen musste, als man mir den Tubus entfernen wollte.
- Das wäre ja nicht tragisch, nur leider habe ich durch die Schluckstörung eben Erbrochenes nicht geschluckt, wie man es erwarten würde sondern eingeatmet Und das, obwohl eigentlich der Tubus geblockt war. Das heißt es wäre normalerweise nicht möglich, direkt etwas einzuatmen, ich hab es dennoch geschafft, weil meine Lunge wohl sehr kräftig ist - super...
- => daraufhin bekam ich die Lungenentzündung Nummer 3: eine eitrige Aspirationspneumonie und wieder zurück ins Koma!
- Wieder ein paar Tage später und nach Gabe von starken Antibiotika, mehrfachen Absaugen von eitrigem Sekret aus der Lunge war auch diese ausgestanden und man konnte mich wieder von den Schläuchen befreien. Leider hatte man die Lähmung des Zwölffingerdarms immer noch nicht bemerkt und ich musste mich kurz nachdem die Schläuche gezogen waren wieder erbrechen und habe wieder Erbrochenes eingeatmet => Lungenentzündung Nr. 4. => wieder ins Koma...
- Dann wurde mir ein Luftröhrenschnitt gemacht, da ich den Tubus über den Mund nicht gut vertragen habe. Ich bin recht empfindlich im Rachen, die Beatmung über den Schlauch hat mich extrem gestört. Außerdem wollte man damit verhindern, dass ich wieder so leicht etwas in die Lunge bekomme.
- Ich war bei all diesen Aktionen nicht wach, hatte starke Medikamente intus und ich erzähle das, was mir erzählt wurde. Ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern. Auch an mindestens 2 Tage vor dem Koma kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß z.B. nicht mehr, wie ich ins Krankenhaus gekommen bin.
- nach 2,5 Wochen Koma wurde ich dann aufgeweckt und ab dann kann ich mich ein wenig erinnern, was alles passiert ist.
Aufwachen auf Intensivstation
Ich kann mich nicht so 100% an den Moment des Aufwachens erinnern. Ich weiß aber, dass neben mir eine Ärztin saß, die beruhigend mit mir gesprochen hat. War schon beängstigend die ganzen Schläuche in mir drin.
Durchgangssyndrom oder Medikamente?
Was noch beängstigender war, waren die Träume und Halluzinationen, die ich während dieser Aufwachphase und der Tage danach hatte. Das waren teilweise grausige Alpträume, die ich zum Glück während des Träumens schon als Traum erkannt habe - aber der Traum hörte deswegen nicht auf. Das war teilweise echt heftig.
Der Auslöser dieser Träume ist mir nicht ganz klar. Es wird wohl an den Medikamenten gelegen haben, die ja doch ziemlich heftig sind. Auch werde ich wohl gerade in den ersten Tagen, wo die Halluzinationen am schlimmsten waren, ein sog. Durchgangssyndrom gehabt haben. Zum Glück aber nicht so schlimm, dass ich aggressiv geworden bin oder so.
Das Schlimmste daran war, dass die Realität mit dem Traum "vermischt" wurde. Ich hatte z.B. in einem Traum geträumt, das an der Wand ein Uhr hängt, die nicht bis 12 geht, sondern bis 100 und ich im Kopf die Uhrzeit immer umrechnen muss.
Ich habe noch einige Tage nachdem die Träume aufgehört hatten gedacht, dass die Uhr in meinem Zimmer wirklich eine 100-Stunden Uhr ist und ich immer wenn ich drauf gucke, im Kopf umrechnen müsste. Doch dann ist mir aufgefallen, dass da ne 12 oben steht und dass das keinen Sinn macht.
Das ist super beängstigend, dass man sich auf seinen Kopf nicht mehr verlassen kann. Zum Glück war das nur temporär.
das Große WANG - Was Alles Nicht Geht
wenn man nach so einem Koma aufwacht, ist man nicht wie im Film quietschlebendig und spaziert einfach aus dem Krankenhaus. Weit gefehlt. Die Muskeln haben komplett abgebaut, der Bewegungsapparat ist nicht mehr fähig einen zu tragen.
Ich weiß noch, dass ich im Bett lag und mich mit der linken Hand an der Nase kratzen wollte - es ging nicht. Die Hand zu heben war super anstrengend und dann konnte ich sie nicht richtig steuern.
Ich habe 3 Tage gebraucht um das hin zu bekommen. Die Muskelkraft war weg, die Muskelkoordination fehlt. Das ist leider nicht alles.
Das linke Bein war so schwach, dass ich es nicht anheben konnte, das rechte ging zum Glück mit etwas Anstrengung. Ich habe auch das geübt und versucht es selbst hin zu bekommen.
Nach dem Koma, war ich super schwach, konnte weder sitzen noch stehen, geschweige denn laufen. Meine linke Hand war unbrauchbar, rechts ging zum Glück so einigermaßen. Ich war auch andauernd müde... Aber auf Grund der dämlichen Schläuche in meinem Hals hatte ich ständig Hustenreiz, konnte deswegen nicht schlafen. Ich bekam starke Hustenblocker und Schlafmittel, um überhaupt schlafen zu können. Das war natürlich auch nicht nebenwirkungsfrei (Angstzustände inklusive).
Aufsetzen war auch nicht möglich, weil mein Kreislauf das nicht gewohnt war. Mir wurde binnen kürzester Zeit schwindelig. Auch das musste trainiert werden.
Meine Ausdauer war quasi auf 0, mein Ruhepuls lag bei > 120 Schlägen pro Minute. D.h. die kleinste Anstrengung und ich war komplett außer Atem und Schweiß gebadet.
Weihnachten und Silvester auf der Intensivstation
... bemerkt man nicht! Jeder Tag, jede Nacht ist komplett gleich. Ich hatte auch nicht wirklich den Luxus von echtem Sonnenlicht oder so, immer künstliche Beleuchtung. Tag und Nacht ließ sich nur schwer voneinander unterscheiden. Es kam schon mal vor, dass ich mir nicht sicher war, ob es 8 Uhr morgens oder 8 Uhr abends auf der Uhr anzeigt.
Auch Weihnachten und Silvester waren nicht von den anderen Tagen zu unterscheiden, wie auch, die Patienten mussten ja genauso weiter versorgt werden, wie an den anderen Tagen auch.
Familie
Das war hart, meine Familie nicht sehen zu können. Meine Frau konnte anfangs noch zu Besuch kommen und war eine meiner wichtigsten Stützen und Motivationshilfen. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Aber später wurde ja ein Besuchsverbot auf Grund der Corona Pandemie ausgesprochen. Eine Weile konnte meine Frau noch alle 2 Tage zu besuch kommen, aber das ging nicht mehr, als ich von der Intensivtation auf die "Intermediate Care"-Station (Überwachungsstation) verlegt wurde.
Physiotherapie und Training
Um den Bewegungsapparat wieder ans Bewegen zu bekommen, bekam ich von Zeit zu Zeit eine Physio-Sitzung. Ca. 30min. im Schnitt. Das war super aufwendig. Wir mussten anfangs ja mal das Aufsetzen üben, und selbst dafür bedeutete das, dass alle Schläuche für Infusionen, die Sondennahrung etc. abgeklemmt werden mussten bevor das Üben überhaupt möglich war. Das allein hat schon mal 10min mindestens gedauert. Und dann saß ich auf der Bettkante. Bewegte mit Hilfe mein linkes Bein. Ein paar Tage später und nach viel Trainieren des linken Beins liegend im Bett konnten wir das Aufstehen üben. Das ging dann erstaunlich gut. Weiter ging es mit den ersten vorsichtigen Schritten im Gang und später die ersten Treppenstufen. Ich kam allerdings nicht weit, mir blieb binnen kürzester Zeit die Luft weg.
Die Schluckstörung
Das war das Schlimmste. Diese dämliche Schluckstörung verursachte eine Verzögerung des gesamten Prozesses. Denn ich hätte mich wieder verschlucken können, hätte wieder irgendwas einatmen können, was nicht in die Lunge gehört (Essen zum Beispiel). Das wollten die Ärzte unbedingt verhindern. Der Luftröhrenschnitt mit dem zugehörigen Tubus verhindert, dass etwas "in den falschen Hals" gerät. Dummerweise hat dieser Tubus aber bei mir schlimmen Hustenreiz ausgelöst und mich heftigst behindert.
Die Schluckstörung los zu werden war etwas "diffus". Man muss einfach nur schlucken, schlucken, schlucken. Das muss man üben. An angedicktem Wasser meistens, denn das dürfte man zur noch auch einatmen, da ist ja nix drin gewesen.
Dummerweise fanden diese Übungen nur sporadisch statt, wenn überhaupt. D.h. da war ich auch auf mich allein gestellt. Die Pfleger haben sich aber für mich des öfteren mal Zeit genommen um mit mir das Schlucken zu üben. Das fand ich wirklich super. In der überarbeiteten Situation für mich Zeit zu opfern. Fand ich super nett.
Die Schluckstörung wurde dann als "behoben" diagnostiziert. Das macht man mit einer Laryngoskopie - man schiebt so eine Endoskop-Kamera durch die Nase bis in den Hals und guckt, wie der Kehlkopf schluckt und ob da Rückstände bleiben, wo keine sein sollten. Die Schläuche ziehen wollten sie dann aber immer noch nicht...
Das Ziehen der Schläuche / Gerangel um Zuständigkeiten
Die Schluckstörung war ausgeheilt, und doch waren die Ärzte nicht gewillt, die Schläuche zu ziehen. Ich hatte immer noch den Lüftröhren-Kanüle (wurde aber schon lange nicht mehr beatmet, die war nur zur "Sicherheit" noch drin) und die Magensonde im Hals. Es war dann der Chefarzt der Intensivstation bei mir und meinte, eigentlich kann man die Schläuche ziehen. Aber ich war schon auf der Überwachungsstation, d.h. der Arzt dort hielt sich nicht an diese Empfehlung, sonder ließ alles so.
Dieses Hin und Her war nervenaufreibend. Am Samstag dann ließ sich meine Kanüle nicht mehr entblocken (d.h. wenn die Kanüle entblockt ist, kann man "dran vorbei" wieder normal atmen und auch sprechen), da war irgendwas im Argen. Da wurde dann die letzte Schluckuntersuchung vorgezogen und (Heureka!) die Tracheakanüle rausgezogen.
In der selben Minute hatte ich keinen Hustenreiz mehr und ich hatte deutlich mehr Ausdauer, konnte deutlich weiter laufen. Das war super befreiend.
Das gleich Gerangel gab es auch bzgl. der Ernährungssonde. Zum Glück war eine Ärztin "mutig" genug und zog das Ding einfach raus - auf dem Gang, weil sie von dem Gerangel genervt war - und Zack war meine latente Übelkeit weg.
die "Entlassung"
Das alles war am Samstag/Sonntag, nach dem Ziehen der Schläuche ging es mir deutlich besser und ich fühlte mich fehl am Platze. Ich hätte am Montag dann auf die Normalstation verlegt werden sollen um dort auf einen Reha-Platz zu warten. Das war mir aber zu blöd, warten kann ich auch daheim. Außerdem wollte ich keine stationäre Reha, das würde gerade jetzt in Corona-Lockdown-Zeiten bedeuten, dass ich meine Familie überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekomme und das wochenlang, evtl. monatelang. Das hätte ich nicht ausgehalten. Außerdem ist man bei einer stationären Reha auch hauptsächlich mit Warten beschäftig, da man ja natürlich nicht 24/7 trainieren kann. Da ich ja mobil bin und so weit nicht auf Pflege angewiesen bin, ist eine ambulante Reha eindeutig besser für mich. Ich habe im Keller ein paar Trainingsgeräte und kann dort jeden Tag etwas für meinen Körper tun. Die Motivation habe ich jetzt. Also für mich ist eine ambulante Reha eindeutig die bessere Wahl.
Ich habe darauf bestanden, jetzt entlassen zu werden, vor allem, da die Ärzte sich (fast) alle einig waren, dass nichts dagegen spricht. Der Chefarzt der Pulmologie wollte noch ein paar "Abschlussuntersuchungen" machen, die hab ich mir aber gespart, da ich ja, abgesehen vom Muskelschwund, keine Beschwerden mehr habe. Der Chefarzt der Kardiologie meinte auch, dass aus medizinischer Sicht nichts gegen eine Entlassung spricht.
Ich wurde dann entlassen und ging einfach nach Hause, bin jetzt mit Training und Muskelaufbau und Ausdauertraining beschäftigt, das wird sich auch noch eine ganze Weile hin ziehen.
endlich daheim
ich bin jetzt seit nicht mal einer Woche daheim, es geht mir so weit gut. Klar, ich bin noch schlapp, ich muss hier treppen steigen und des öfteren Aufstehen - fällt mir alles schwer, aber das ist Training. Ich gehe jeden Tag ein paar Schritte spazieren, schaffe immerhin schon 800m mit einer Pause dazwischen. Es wird immer besser. mind. 3x in der Woche bin ich bei der Physio - dort werde ich noch mal ganz anders gefordert und es werden mir Übungen gezeigt, die ich bei mir daheim machen kann. Das mache ich auch mind. ein mal täglich. Es ist noch viel Arbeit, aber ich kämpfe mich zurück. An Arbeit ist noch nicht wirklich zu denken, ich bin von den Übungen oft so k.o., dass ich mich hinlegen muss. Die Konzentration ist auch noch nicht die beste... zieht sich alles ein wenig. Für diesen Text habe ich bestimmt eine Woche gebraucht, aber auch das wird langsam aber sicher besser.
Grundsätzlich ist es erstaunlich, wie schnell ich es von der Intensivstation weg geschafft habe und wie schnell ich doch wieder auf den Beinen bin. Das haben die Ärzte so nicht erwartet und haben mir das auch deutlich zu verstehen gegeben, dass das nicht "normal" ist.
In ein paar Monaten sollte also alles wieder normal sein - hoffe ich! Auch dank der großartigen Unterstützung, die ich von meinen Arbeitskollegen und meiner ganzen Familie und meinen Freunden erfahre! Danke Jungs!