Die OS-Wahl: Moderne Religionskriege

veröffentlicht am : Mo, 21. 10. 2013 geändert am: Mo, 21. 10. 2013

Kategorie: Apple --> Computer

Schlagworte:


Das fällt mir jetzt schon seit geraumer Zeit auf, dass die Diskussionen bzgl der Betriebssystemwahl wirklich hitziger werden und meistens überhaupt nicht sachlich geführt werden. Was ist denn eigentlich wichtig für die Wahl des Betriebssystems? Es sollte doch reichen, dass ich all meine Aufgaben auf dem System in für mich optimaler weise durchführen kann. Mehr nicht. Das sollte doch reichen, natürlich sollte man mal über den Tellerrand blicken, denn sonst weiß man ja nicht, ob ein anderes OS evtl meine Aufgaben besser lösen würde. Aber bei den Diskussionen im Internet geht es so gut wie nie darum, ob eine Aufgabe richtig oder falsch oder besser gelöst wird oder nicht. Grob gesprochen kann man die Lager der Betriebssystemuser in drei Lager Spalten: Apple mit OSX und IOS, Windows mit Win7/8 bzw Windows Phone und Linux mit einer der vielen Distributionen bzw Android. Selbst auf Smartphones kann man diese Lager unterscheiden, obwohl sie nicht unbedingt Deckungsgleich sind. D.h. Ein Android User ist nicht zwingend auch ein Linuxer. iOS wird auch von Windows Usern verwendet usw.. sehr schön kann man dies immer wieder auf heise.de lesen, wenn es nur irgendeine Meldung zu iOS/Apple gibt oder Linux/Android oder Microsoft / Windows gibt. Am besten sollte noch über einen Fehler oder eine Unzulänglichkeit des Betriebsystems oder der Hardware berichtet werden. Da geht es sehr schnell in Richtung Flamewar - "Bug in Linux ermöglicht lokalen Angreifern root zugriff" -> "Linux ist eh total unsicher, Windows ist da viel besser" -> may the Flamewar begin! Dort wird nicht mehr sachlicht diskutiert sonder nur noch getrollt (Ugs: unsinnige Kommentare posten deren Zweck eigentlich nur die Provokation ist).

Hier in dem Thread oder hier und hier sind einige Beispiele zu finden. Eigentlich, muss man nur nach Threads mit mehr als 100 Beiträgen suchen (die gibt’s immer irgendwelche Troll-Posts). Wenn es zu solchen Flamewars kommt, dann wird eigentlich nie sachlich diskutiert, sondern es kommt oft zu so was wie "Linux ist eh scheisse", "Windows ist Mist" oder "Apple find ich eh blöd", meist versteckt zwischen irgendwelchen quasi-Faktengestützten Aussagen, zum Teil total frei erfunden. Interessant ist - zumindest in meiner Erfahrung, das viele dieser Leute nur sehr wenig oder gar keine Erfahrung mit dem verpönten Betriebssystem haben, sondern nur das nachplappern, was ihnen irgendjemand vorgesagt hat (was häufig auch sehr meinungsmachende Artikel in großen deutschen Magazinen). Und wenn die leute ein wenig Erfahrung mit den Systemen haben, wird ja um so heftiger getrollt und missioniert. Irgendwie hat die Welt den Umgang mit Informationen verlernt. Hier noch mal ein Tipp an alle Leser: nehmt nicht alles einfach so hin, was ihr im Internet lest.

Hinterfragt auch mal, recherchiert, bildet euch eine eigene fundierte Meinung. Das ist eine fast schon ausgestorbene Kunst. Leider wird es auch immer schwieriger, echte ungefilterte und "ungefärbte" Informationen zu bekommen. Und das nicht nur zum Thema "Betriebssystem". Aber dann muss man sich hält die Mühe machen, auch mal einen anders "gefärbten" Artikel zu lesen. Warum wird aber die Diskussion über ein doch so rationales Thema wie Betriebssystem oder Smartphonewahl so schnell dermaßen emotional? Die Leute fühlen sich persönlich beleidigt, nur weil ich nicht das selbe Betriebssystem gut finde, wie sie? Natürlich trifft diese Aussage nur auf Tekkies zu, alle anderen haben weniger so einen Bezug zum OS - sonst wäre das iPhone ja auch nicht so erfolgreich, so oft, wie es schon tot gesagt wurde. "Religionskriege ist, wenn Erwachsene sich streiten, wer den cooleren imaginären Freund hat" - und nur da reagieren die Leute ähnlich emotional. Selbst bei politischen Diskussionen wird weniger emotional argumentiert, obwohl es da evtl sogar noch verständlicher wäre. Wenn man sich mal überlegt, wie diese Diskussion mit anderen Werkzeugen (nichts anderes sind Computer, bzw deren OS) geführt würde, dann wäre es schnell lächerlich: "Ich hämmere immer mit dem Hammer von Smithe" "Voll doof, da kann man ja gar nicht die Farbe der Wand verändern" "Das brauch ich nicht, ich will hämmern nicht streichen - ich bekomme meine Arbeiten so super erledigt" "Du hast doch keine Ahnung.. Besorg dir nen richtigen Hammer." "Immer wenn ich mit dem Hammer eine Schraube reindrehen muss, wird es total schwierig" "Benutz doch einen Schraubenzieher" "Spinnst du - würde ich nie benutzen, viel zu umständlich! Ernsthaft - wie kann ich mit dem Hammer ne schraube reindrehen, brauche Hilfe dringend"

Sind Smartphones und Computer ein Religionsersatz?

Ich meine, die Religion hat viel weniger Einfluss in unseren Alltag, als die Technik, Smartphones und Computer im Besonderen. Ist die Wahl des richtigen (IT-)Werkzeugs mittlerweile so was wie die Wahl der Religion vor noch einigen Jahren? Parallelen sind unverkennbar. Eigentlich kann es einem doch völlig egal sein, welches OS mein Nachbar benutzt oder auch nicht. Und wenn er ein Nokia Telefon hat, dann macht das doch mein Telefon nicht besser oder schlechter? Oder doch? Seltsamerweise fangen vor allem Personen, die nicht in der IT arbeiten, an zu "missionieren" mit so schlagenden Argumenten wie "Linux ist doch kacke, da kann jeder dran rumschrauben" und "iPhones sind doof, da ist man ja ein Gefangener". Diesen Argumenten kann man nix entgegenbringen - sie sind allumfassend und immer richtig. "Ich hab recht, du hast unrecht - und komm mir nicht mit Fakten". Die sind  sinnbefreit und wenig zielführend. Parallelen zu Argumentationen von Religiösen Menschen drängen sich auf. Sehr selten hört man da, "ich fühle mich besser mit Religion" oder "das bringt mir persönlich was". Sondern immer so was wie "Da muss man doch dran glauben, alles andere wäre unnatürlich" (dieser Ausspruch wurde mir gegenüber wirklich getätigt!). Mittlerweile sind wir so aufgeklärt, dass es egal ist, ob man Christ, Moslem oder Buddhist ist - aber man muss schon irgend so eine Religion haben. Atheisten sind von Haus aus suspekt (zumindest in einigen Kreisen dieser Gesellschaft, oder einigen zumeist ländlichen Regionen). Erstaunlicherweise gibt es scheinbar genau die gleichen Entwicklungen auch mit Betriebssystemen. Da die meisten sowieso nur surfen und wenn's hoch kommt einen Emailclient installiert haben (die meisten lesen ihre Mails ja online im Browser) ist die Wahl des Betriebssystems für diese User eh total wurscht. Wirklich.... völlig egal für eigentlich 90% der Homeuser. Dennoch mutieren alle zu Allwissenden IT-Experten wenn es darum geht. Und meistens hat jeder eine vorgefertigte Meinung über ein Betriebssystem, obwohl er das noch nie ausprobiert hat. Und wenn, dann meist nur 10 Minuten bei einem Bekannten...(vermutlich über die Schulter geschaut, und das wars).

Das ist erstaunlicherweise auch noch regional unterschiedlich. In einigen ländlichen Gegenden, in denen ich Bekannte und Verwandte habe, ist es sehr verpönt ein iPhone auch nur gut zu finden. Da ist Android gesetzt und wenn die Kids in der Schule kein Andoid haben, sondern - Oh Gott - ein iPhone, dann werden sie allen Ernstes deswegen gehänselt (bzw. neu-deutsch gemobbt)! Gleiches gibt es in anderen Gegenden auch 100% anders rum... Ich kapier die Menschen da echt nicht. Mir ist das echt egal, welches OS ihr benutzt, werdet damit glücklich. Und wenn ihr alles, was ihr machen wollt, damit machen könnt - Super! Alles klasse! Aber hört auf, andere ungefragt von eurem Betriebssystem überzeugen zu wollen. Und versucht mal objektiv an die Dinge ran zu gehen.  

erstellt Stephan Bösebeck (stephan)